Zurück zu positiven Gefühlen

Interview mit Jean D. Placy von Freya Mohr

Im Leben wie auch im Beruf gibt es Situationen, aus denen man sich herausboxen muss. Das geht nicht immer ohne fremde – am besten unvoreingenommene – Hilfe. Der Business-Coach Jean D. Placy kennt das gut und begleitet deswegen jetzt andere aus negativen Zuständen heraus.

Einfach nicht weiterkommen. Ein Gefühl der Ohnmacht und des Auf-der-Stelle-Tretens. So ein Gefühl kann jeden überkommen. Der Coach Jean D. Placy kennt es aus eigener Erfahrung: Während seiner bewegten Kindheit und Jugend lernte er, sich selbst zu reflektieren und sich durchzukämpfen. Heute hilft er mit seinem Wissen, Menschen, Führungskräften und Teams aus eingefahrenen Situationen herauszufinden. Im Interview mit dem «Geschäftsführer» erzählt der 31-Jährige über seine Vergangenheit: wie sie ihm dabei hilft, andere zu verstehen, und ihn zu dem macht, was er heute ist.

Als Coach braucht man Menschenkenntnis. Das ist einerseits eine Begabung, andererseits entsteht sie aus Erfahrung. Woher nehmen Sie Ihre Menschenkenntnis?
Heutzutage erweitere ich meine Menschenkenntnis, indem ich mich selbst und meine Gefühle im Umgang mit meinen Mitmenschen genau beobachte und reflektiere. Insbesondere emotionale Erlebnisse – angenehme oder unangenehme – verhelfen mir immer wieder zu neuen Erkenntnissen meiner selbst. Auch meiner bewegten Vergangenheit habe ich es zu verdanken, dass mein natürliches Feingefühl für die menschliche Natur und deren unterschiedlichen Aspekte gereift und gewachsen ist.

Was waren das für Erlebnisse?
Ich wurde auf Haiti geboren und kam als Kleinkind mit meiner Mutter und meinem Bruder in die Schweiz. Meine Kindheit sowie Jugend hier waren geprägt von einem gewalttätigen Stiefvater, Kinderheimen, einer schweren Krankheit mit anschliessendem Koma und einer vermehrt, jahrelang abwesenden Mutter. Es ist einiges passiert, wodurch ich mich immer wieder mit Fragen auseinandergesetzt habe, wer ich eigentlich bin und was ich machen kann, um aus der Situation rauszukommen.

Was haben Sie dabei gelernt?
Ich habe gelernt, mich nicht aufzugeben. Das ist das Wichtigste. Mir hat es damals an grundlegenden Werten gefehlt wie Zugehörigkeit, Wertschätzung und Selbstwertgefühl. Die Stiftung Kinderheim Grünau erzog mich ab meinem zehnten Lebensjahr. Dort lehrten sie mich die Kunst des ehrlichen Selbstreflektierens und brachten mir bei, dass niemand die Summe seiner Fehler ist. Sie haben sehr darauf geachtet, welche Energie man versprüht und insbesondere meine empathischen Fähigkeiten gefördert.

Nach Ihrer Ausbildung waren Sie lange Zeit Forensischer Berater bei PricewaterhouseCoopers …
Als mir diese Chance gegeben wurde, war das schon ein überwältigendes Gefühl. Ich hatte damals einen KV-Abschluss, keine höhere Bildung und war ein Quereinsteiger. Die damaligen Vorgesetzten haben mich vom ersten Tag an unterstützt und mir ihr Vertrauen geschenkt. Das war eine völlig neue und grossartige Erfahrung für mich. Bereits im dritten Jahr hat PwC mir in Zusammenarbeit mit anderen das Leiten von Grossprojekten anvertraut. Allerdings habe ich mit der Zeit gemerkt, dass ich mich immer stärker mit meinem Verstand zu identifizieren begann. Ich war kaum noch mit meinen Gefühlen beschäftigt und wie sich die Arbeit auf meine Gedanken und Gesundheit auswirkte. Der Fokus lag weitestgehend darauf zu funktionieren. Das war der Moment, als ich dann am eigenen Leib erfuhr, was Stress und Leistungsdruck anrichten können. Ich selber war nah an einem Burn-out und habe dann an einem Punkt gemerkt, dass mich diese Arbeit einfach nicht länger erfüllt.

Und dann sind Sie selbstständiger Coach geworden. Können Sie Ihre Erfahrung als Forensischer Berater in Ihrer heutigen Tätigkeit einbringen?
Ja, absolut. Ohne diese spannende und vielseitige Arbeit wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin. Einerseits hatte ich als Forensischer Berater die Chance, in verschiedenen Ländern zu arbeiten und habe Menschen aus verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Gefühlslagen und Stresssituationen erleben und beraten dürfen. Und als Leiter der Grossprojekte habe ich gelernt, was die Leute wirklich brauchen, um produktiv und gerne arbeiten zu können: die Wertschätzung, die sie benötigen, die Ehrlichkeit, die Aufmerksamkeit und das Vertrauen. Die Interaktion mit den Menschen und wie man Menschen fördern kann – das hat mich dazu gebracht, mich meiner Berufung als Coach voll und ganz hinzugeben.

Die Entscheidung, Coach zu werden, kam durch Ihre Tätigkeit als Berater?
Meine Tätigkeit als Forensischer Berater war sicherlich ein ausschlaggebender Faktor in diesem Entscheidungsprozess. Ausserhalb meiner beruflichen Tätigkeit durchlebte ich in den Jahren 2016 und 2017 eine emotionale Achterbahnfahrt. 2016 wurde meine Partnerin schwanger und unsere Hochzeit stand an. Nach unserer Hochzeit und kurz vor der Geburt unseres Kindes verstarb die Mutter meiner Partnerin an Bauchspeicheldrüsenkrebs. 2017 starb dann auch noch mein Schwiegervater. Dieses Wechselbad der Gefühle, sowohl in beruflicher- als auch privater Hinsicht, brachten mich an meine Grenzen.

Wie meinen Sie das?
Mit meinem über all die Jahre geschärften Verstand konnte ich die Geschehnisse weder begreifen noch verarbeiten. Eine grosse Ohnmacht überkam mich. Mein Glaube sowie meine Gefühle waren es nun, welche mich stärkten, diesen Lebensabschnitt gemeinsam mit meiner neu gegründeten Familie durchzustehen. Ab dem Moment verlor meine damalige Arbeit völlig an Sinn und Bedeutung. So entschloss ich mich zu kündigen, um anderen Menschen zu helfen, sich selber zu helfen. Damit sie aus Mangelzuständen und negativen Gefühlen wieder in ihre Fülle und zurück zu positiven Gedanken gelangen können.

Viele nennen sich heute Coach und machen sich selbstständig. Was unterscheidet Sie von den Mitbewerbern?
Aufgrund meiner eigenen Lebenserfahrung kann ich die Menschen verstehen. Ich bin selber Familienvater und verstehe es, zwischen Familie und Arbeit hin und her zu pendeln. Ich kann es als ehemaliges Heimkind verstehen, was es heisst, im Glauben zu sein, keine Perspektive zu haben und sich seinen Weg zu erkämpfen. Ich denke, dass ich mich dadurch von den Mitbewerbern unterscheide.

Warum wird Coaching aus Ihrer Sicht an Bedeutung gewinnen?
Ich glaube, dass mit dem kontinuierlich ansteigenden Stress die Burn-out-Zahlen weitersteigen. In den meisten Fällen rufen unaufgelöste Ängste sowie eine unbewusste Lebensweise Stress hervor. Es wird künftig ein einfühlsamerer und bewussterer Führungsstil notwendig sein, wenn wir diesen Paradigmenwechsel herbeiführen wollen. Deswegen bin ich zurzeit auf der Suche nach einem passenden Verlag für mein autobiografisches Buch. Dadurch möchte ich mehr Menschen erreichen und anhand meiner Lebensgeschichte genauer schildern, wie sie aus ihren Mangelzuständen zurück in ihre Fülle kommen.

Mentoring Coaching Placy GmbH

Jean D. Placy ist selbstständiger Business-Coach für Führungskräfte und Teams.

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