Faszinierend anders unterwegs

von Robert Jakob und Urs Huebscher

Renato Fasciati, CEO RhB (Foto: Nicola Pitaro).

Die Rhätische Bahn ist am Markt erfolgreich positioniert und konnte ihre Leistung im Personenverkehr über die letzten Jahre stetig ausbauen. Dank einer attraktiven Angebotspalette für Feriengäste und Pendler werden jährlich rund zehn Millionen Personenfahrten durchgeführt. Das 384 Kilometer lange Streckennetz fasziniert mit eindrücklichen Zahlen: Ein Drittel befindet sich auf über 1 500 Meter über Meer. Ein Drittel zählt zum UNESCO Welterbe RhB. Ein Fünftel befindet sich auf oder in Kunstbauten. Über 90 Prozent des Streckennetzes wurden vor 1914 erstellt. Für zahlreiche Zürcher ist die Vereinalinie ein Begriff. Die rund 20-minütige Fahrt vom Prättigau ins Engadin ist sehr beliebt. Der Autoverlad kann bei allen Witterungsverhältnissen betrieben werden – ein Erfolgsfaktor.

Interview mit Renato Fasciati, CEO

Geschäftsführer: Herr Fasciati, beneiden Sie Andreas Meyer? Seine SBB werden in den nächsten Jahren sehr hohe Bundeszuschüsse für die Bahninfrastruktur erhalten.
Renato Fasciati: Die RhB und weiteren Privatbahnen haben heute dieselbe Finanzierung der Infrastruktur wie die SBB. Insofern beneide ich die SBB nicht – im Gegenteil: bei der RhB sind ebenfalls grosse Bauvorhaben im Gange und geplant.

Der Unterhalt der Rhätischen Bahn geht vor allem wegen der vielen Brücken, 612 ganz genau, stark ins Geld. Wie fällt denn der zukünftige Verteilschlüssel zwischen Bund und Kanton aus?
Mit der FABI-Vorlage wurde die Finanzierung des Baus und des Unterhalts der Bahninfrastruktur zur alleinigen Bundesaufgabe. Die Kantone unterstützen die Ausbauvorhaben jedoch jährlich mit pauschal 500 Mio Franken.

Ein kleiner Teil Ihres Streckennetzes liegt auch in Italien, es ist die Verlängerung des Puschlavs bis Tirano. Was sind dort die speziellen Herausforderungen?
In Italien besteht eine andere Rechtsordnung, die wir zu berücksichtigen haben. Die Bürokratie ist um einiges grösser und fordert unsere Spezialisten häufig heraus. Mit unserem italienischen Endpunkt der weltberühmten Berninalinie besitzen wir jedoch ein Bijou, das wir und unsere Fahrgäste nicht missen möchten.

Die grösstenteils vom Bund finanzierte Vereina-Linie erspart die mühsame Fahrt über den Flüela-Pass. Wo liegt eigentlich da die Verteilung bei den Benutzern: Wie viel mehr wird der Tunnel im Vergleich zur Passstrasse genutzt?
Den Autoverlad nutzen rund 470‘000 Fahrzeuge pro Jahr. Laut automatischem Verkehrszählsystem des Tiefbauamtes Graubünden verkehren rund 520‘000 Fahrzeuge über den Flüelapass (Stand 2014), wobei der Flüela nur an rund 250 Tagen im Jahr geöffnet ist. Der Autoverlad hat übers ganze Jahr gesehen somit einen Marktanteil von knapp 50 Prozent.

Der Autoverlad bringt der Rätischen Bahn knapp 15 Millionen Franken Umsatz. Im letzten Jahr war er knapp rückläufig. Wie preiselastisch ist dieses Geschäft?
Genaue Daten liegen dazu nicht vor. Gerade im Sommer gehen wir von einer relativ hohen Preissensitivität aus. Die Auswirkungen von Preiserhöhungen werden sorgfältig beobachtet und analysiert. Es zeigt sich auch, dass neben dem Preis auch andere Faktoren wie Wetter oder Wartezeit über die Routenwahl (Autoverlad Vereina oder Flüela-, Albula- oder Julierpass) entscheiden. Die Preise müssen zudem mit dem Preisüberwacher abgestimmt werden. Starke Preiserhöhungen im Winter wären deshalb gar nicht möglich. Für Vielfahrer steht mit der Vereina-Card zudem eine attraktive Rabattierung zur Verfügung.

In den höher gelegenen Gebieten ist die Rhätische Bahn vor allem Panoramabahn. Wie werden Sie in den nächsten Jahren das Potenzial an ausländischen Touristen ansprechen?
Wir arbeiten zurzeit an der Auffrischung unserer weltbekannten Produkte Bernina Express und Glacier Express. Das Ziel ist in den bestehenden Märkten zu wachsen und neue Märkte zu erschliessen. Die Rhätische Bahn hat mit ihren unverwechselbaren und eindrücklichen Strecken beste Trümpfe hierfür in der Hand. So wurden beispielsweise unsere Albula- und Berninastrecke ins UNESCO-Welterbe aufgenommen und beeindrucken unsere Fahrgäste aus aller Welt.

Was könnten Sie sich an ungewöhnlich neuen Marketing-Aktionen vorstellen?
Wir arbeiten an verschiedenen Aktionen. Beispielsweise verzaubert unser Kinder-Kondukteur Clà Ferrovia Jung und Alt an Sonderfahrten und -anlässen. Wir setzen unsere Salonwagen und historischen Speisewagen vermehrt im Regeleinsatz ein und haben verschiedene Sonderfahrten geplant. Nach Arosa und zurück verkehrt an Freitagabenden ein Genussexpress, mit dem man gediegen und kulinarisch ins Wochenende rollen kann. Mit verschiedensten Partnern (Hotels, verschiedene Leistungserbringer, historic RhB, Bergbahnen, Tourismusvereinen) arbeiten wir an neuen Produkten und Angeboten. Und schliesslich prüfen wir die Hauszustellung von Gepäckstücken ohne Zusatzkosten, um die Fahrt mit dem öV noch bequemer und attraktiver zu machen.

Im letzten Oktober hat die Umsetzungsphase für die Neupositionierung des Glacier-Express begonnen. Welchen Umsatzschub haben Sie mittelfristig im Visier und mit welchen Mittel werden Sie das erreichen?
Mit unserer Partnerin, der Matterhorn Gotthard-Bahn, werden wir eine gemeinsame Tochtergesellschaft gründen, um aus einer Hand die attraktive Bahnverbindung anbieten zu können. Wir streben eine Frequenz von 250‘000 Personen jährlich an. Wir planen eine Modernisierung der Wagen, werden neu auch Kurzstrecken anbieten und generell den Erlebniswert auf der Reise mit verschiedenen Aktionen und Inszenierungen erhöhen. Wir streben verstärkt auch neue Märkte für unsere Panoramazüge an und verbinden den Glacier Express beispielsweise mit Luzern und Zürich.

Im Engadin benutzt die Rhätische Bahn die App «FAIRTIQ», ein Ticket-Berechnungssystem, das den Fahrpreis je nach verbrauchter Strecke in Rechnung stellt. Läuft das gut?
Die App läuft sehr stabil und wurde von den Fahrgästen gut aufgenommen. Zusammen mit unseren Partnern wie tpf oder vbl besitzen wir bereits über 10‘000 registrierte User. Aufgrund der positiven Aufnahme in unserer Pilotregion Oberengadin planen wir aktuell die Umsetzung auf dem gesamten Streckennetz der RhB.

Im letzten Jahr hat sich das Cargo-Geschäft erfreulich entwickelt. Wagen Sie da eine Prognose für die nächsten Jahre?
Die RhB hat in den letzten zwei Jahren eine Repositionierung des Güterverkehrs mit Effizienzsteigerungen, Straffung des Bediennetzes sowie Optimierung des Rollmaterialbestandes durchgeführt. Dabei konnte der Vorjahresumsatz und die gesetzten Ziele übertroffen werden. Das Umfeld im Güterverkehrsgeschäft ist nach wie vor sehr kompetitiv und erfordert weitere Optimierungen, um mit der Konkurrenz auf der Strasse mithalten zu können. Eine Prognose in die Zukunft ist schwierig, da das Geschäft sehr volatil ist. Wir gehen aber davon aus, dass wir die aktuellen Mengen in etwa halten können. Nach wie vor ist es so, dass wir mit dem Transport auf der Schiene dem Kanton Graubünden etwa 100‘000 Lastwagenfahrten pro Jahr ersparen und eine wintersichere Versorgung sicherstellen können.

www.rhb.ch
www.moneycab.com

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